Wasserhäuschen

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Typisches Wasserhäuschen, hier im Riederwald.
Typisches Wasserhäuschen, hier im Riederwald.
In keiner anderen deutschen Stadt haben Trinkhallen eine vergleichbare Tradition wie in der Main-Metropole Frankfurt. Die kleinen Verkaufsbuden mit der breiten Warenpalette vom Feierabendbier über Tageszeitungen, Zigaretten bis hin zu Fruchtdrops und Fahrscheinen für den öffentlichen Nahverkehr tragen in Frankfurt und der Region um Frankfurt herum auch die Bezeichnung Wasserhäuschen.

In den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts soll es alleine in Frankfurt rund 800 dieser kleinen Verkaufshäuschen gegeben haben, die meisten davon im Besitz von Adam Jöst (s.u.). Aufgrund der in dieser Zeit noch sehr rigide reglementierten Ladenschlusszeiten hatten die Wasserhäuschen einen immensen Vorteil – für sie galten die Öffnungszeiten von Kneipen und Gaststätten. Zudem waren sie damals (wie auch heute noch) zum Ausschank alkoholischer Getränke berechtigt. Konkurrenz erwuchs den Trinkhallen mit dem Aufkommen der Tankstellen-Shops, die genauso wie die Trinkhallen auch an Sonn- und Feiertagen geöffnet haben und eine vergleichbare Produktpalette (neben den Fahrzeug-Kraftstoffen) anbieten. Zudem gingen in den späten 70er Jahren Anwohner und Gewerbetreibende gegen die Wasserhäuschen vor, da sie sich durch deren alkoholisierte Stammkundschaft belästigt fühlten, wie auch durch den Umstand, dass viele der Trinkhallen ihren Gästen keine sanitären Anlagen zur Verfügung stellten. Mitte der 80er Jahre des 20. Jahrhunderts ließ das dadurch verursachte Wasserhäuschensterben wieder nach. Im Jahr 2007 gab es in Frankfurt um die 330 Trinkhallen. Heute dürfen sie, wie ihre Konkurrenz, die 24-Stunden-Tankstellen, rund um die Uhr betrieben werden.

Inhaltsverzeichnis

[bearbeiten] Geschichte der Wasserhäuschen

Ein Frankfurter Wasserhäuschen am Berkersheimer Weg im Jahr 1953, Bildquelle: FNP / Institut für Stadtgeschichte
Ein Frankfurter Wasserhäuschen am Berkersheimer Weg im Jahr 1953, Bildquelle: FNP / Institut für Stadtgeschichte
Das Konzept der Trinkhallen entstand in Deutschland in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Zuge der Industrialisierung. Hintergrund ist der Umstand, dass zu dieser Zeit das Leitungswasser stark verunreinigt war und nur abgekocht ohne Gesundheitsrisiko getrunken werden konnte. Die Arbeiter in den neu entstandenen Fabriken löschten ihren Durst darum mit Bier und Schnaps. Um den deswegen um sich greifenden Alkoholismus unter der Arbeiterschaft einzudämmen, begannen die Kommunen, Trinkhallen einzurichten, an denen die Arbeiter Mineralwasser und andere alkoholfreie Getränken günstig erwerben konnten, anders als in den damaligen Gaststätten. Auch in Frankfurt fand das als „Bitzelwasser” oder auch als „Babbel-Juckse-Wasser” bezeichnete Mineralwasser großen Anklang, seitdem es ab der Mitte des 19. Jahrhunderts möglich geworden war, das Wasser in Flaschen abzufüllen und so zu verschließen, dass der Gasdruck in den Flaschen erhalten blieb.

[bearbeiten] Adam Jöst

Eine zentrale Figur in der Geschichte der Wasserhäuschen in Frankfurt war der Unternehmer Adam Jöst (1884–1962). Der in Vöckelsbach im Odenwald geborene Jöst wurde 1908 zum Geschäftsfüher der „Jöst Reform Gesellschaft”, einer Tochterfirma des Kolonialwarenladens von Jakob Latscha, in dem Jöst 1902 seine Karriere begonnen hatte. Die Reformgesellschaft verkaufte in 20 Wasserhäuschen in Frankfurt selbst hergestellte, alkoholfreie Getränke.

Im Jahr 1914 kaufte Jöst die zu dieser Zeit stark angeschlagene Reformgesellschaft und expandierte. Er gliederte ihr im Lauf der nächsten 23 Jahre eine Kohlehandlung, eine Süßmosterei, eine Weinkellerei sowie mehrere Gaststätten und Läden für Wein, Spirituosen und Tabak an.

Unter der Herrschaft der Nationalsozialisten wurden zahlreiche Wasserhäuschen abgerissen, doch Adam Jöst, der sich der SA angeschlossen hatte und dort den Rang eines „Sturmführers” bekleidete, durfte noch 1938 ein Wasserhäuschen auf der Konstablerwache in Frankfurt eröffnen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg konnte der Unternehmer seinen Erfolgskurs fortsetzen. Seine Trinkhallen verkauften nun auch auch Brennstoff, Milch, Apfelsinen und die sogenannte „Jöst-Cola”.

Die Firma, deren Zentrale im Frankfurter Gutleuthof lag, florierte bis zum Tod von Adam Jöst im Jahr 1962. Danach gingen die Trinkhallen zum größten Teil in den Besitz der Henninger Brauerei über. Alteingesessene Frankfurter bezeichnen aber auch heute (März 2009) noch die Trinkhallen auch als Jöst-Häuschen.

[bearbeiten] Frankfurts ältester Kiosk

Das wohl älteste der rund 300 Wasserhäuschen Frankfurts „Jöst Nummer 1“ steht im Osthafen. Seit fast 100 Jahren gibt es hier am Franziusplatz schon das kleine Geschäft. Der Imbiss erhielt im September 1912 seine Konzession. Zur Versorgung der Arbeiter im vor dem Ersten Weltkrieg entstandenen Osthafen eröffnete Jöst den kleinen Kiosk am Fuße der Honsellbrücke. Und obwohl nachträglich neben anderen kleinen Veränderungen ein Lagerraum angebaut wurde, ahnt man das stolze Alter des „Häuschens“ auf den ersten Blick. Was in dem „Häuschen“ noch original ist, kann man aber nicht genau sagen.

[bearbeiten] Literatur

Die unteren Zehntausend. Der ultimative Büdchen- und Trinkhallen-Führer Rhein-Main
von Ulrich Sonnenschein, Jens Bredendieck, Andreas Heller und Peter Schenk
erschienen 2007, 144 Seiten, Broschur
ISBN: 9783797310460
Preis: 9,90 Euro
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